KATHARSIS – Zum Film Katharsis

Autorenkonzept und der Katharsisbegriff

 

Katharsis, ein vielschichtiger Begriff: In verschiedenen Lebensbereichen und Wissenssparten hat die Wissenschaft diesen Begriff für sich vereinnahmt. Zuerst kennt man den Begriff aus der griechischen Sprache, weiters aus der Psychologie und schließlich aus der Aristotelischen Theatertheorie. Im Spielfilm KATHARSIS werden alle Bereiche abgedeckt und behandelt.

 

Das Drama von Paul, der Hauptfigur, ist, dass er als prototypischer Zuschauer, Mitläufer, passiver Fernseher von seinem Bruder und Massenmedien wie ein Blatt im Wind gewendet werden kann. Paul ist ein Opfer, dessen „Reinwaschung durch Blut oder Wasser“ (ursprüngliche griechische Bedeutung des Wortes Katharsis) noch zu folgen hat. Wie kann man mit Trennungsschmerz und Einsamkeit, mit der Veränderung der Grundfesten des Lebens inklusive Befragung der Familienverhältnisse ohne Gewalt fertig werden, wenn die üblich in Filmen und Fernsehen gezeigte Lösung die Ermordung des Expartners oder ähnliches ist.

 

Die Aristotelische Katharsis (Heilung und Klärung des Zuschauers durch Schaudern, Erschrecken oder Mitleid) ist erster und Hauptteil des Films. Im Zusammenhang mit Film- oder Theaterdramaturgien kennt man den Begriff Katharsis von der Aristotelischen Poetik überliefert als Zeitpunkt gegen Ende des Filmes, wenn der Zuschauer von der höchsten Spannung befreit werden muss, um den gespielten Handlungsraum wieder verlassen zu können.

 

Zum Verständnis der Verwendung des Titels Katharsis muss man sich von der theater- und filmwissenschaftlichen Definition teilweise trennen und auf weitere Ursprünge und Verwendung dieses Begriffes zurückgreifen. Eine Theorie der Medien besagt, dass man im Fernsehen gesehene Morde nicht begeht (Medienkatharsistheorie; interessant im Zusammenhang mit Gewalt in Filmen Sam Peckinpahs)

 

Wir postulieren den Traum oder Tagtraum als mögliches Mittel der Katharsis, einem Übergangsritus wie dem Sun Dance oder Pow-Wow nordamerikanischer Indianer (z.B. Sioux) folgend oder schlicht durch ein erschütterndes Ereignis im Leben eines Protagonisten ausgelöst. In dieser Phase kann Erkenntnis für die Zukunft, zusammengesetzt aus den persönlichen, biographischen Bildern und Geschichten geschöpft werden. Das schlafende oder enthobene Gehirn setzt Testwelten zusammen, hebt die kausale Zeitordnung auf. Dem erwachten Mensch (er)klärt sich die Welt.

 

Das Katharsis- und Übergangszustandskonzept ist in den letzten Jahren als ein prominentes Rezept der postmodernen Filmtheorie in stilbildenden Filmen eingesetzt worden, dazu gehören aber auch der Verzicht auf lineare oder multidimensionale Erzählweisen (z.B. Alejandro Gonzales Inarritu „Babel“ und „21 Gramm“, Steven Spielberg „München“, David Lynch z.B. „Mulholland Drive“ und „Lost Highway“, Paul Thomas Anderson „Magnolia„).

 

 

 

 

 

Oscarnominierungen zeugen davon, dass das Publikum immer mehr gefordert werden will und das Drama der Gefühle im Film wie Alexander Kluge es nennt als „fünften Akt“ zu Hause fortsetzen will.

 

Dekodieren, Ratlosigkeit, Selbstreferenz, Mythologien sind aktuelle Begriffe nach dem ein immer größer werdendes Publikum sucht. Der Film entsteht im Publikum. Dieser Text ist nur ein Hauch über dem Katharsis-Bedeutungsmeer.

 

 

 

 

 

Literatur zum Katharsisbegriff u.a. (zur Einführung)

 

 

Aristoteles:     Poetik. Gr./Dt. Hrsg. u. Übers.: Fuhrmann, Manfred.

                ISBN 3-15-007828-8. Manfred Fuhrmann Nachwort S.164

 

Joseph Campbell: Hero with a Thousand Faces. Princeton University
                   Press(1948; Reprint edition 1972) ISBN 0691017840

                 Der Heros in tausend Gestalten / Joseph Campbell.

1.      Aufl.. - Frankfurt (Main) ; Leipzig :

 Insel-Verl., 1999. (Insel 2556) ISBN 3-458-34256-7

 

Matthias Luserke [Hg.]: Aristotelische Katharsis,

                 Georg Olms Verlag. Hildesheim. Zürich.

                 New York. 1991.

 

Hans Magnus Enzensberger: Einzelheiten I. Bewusstseins-Industrie,

                  edition suhrkamp 63. Frankfurt am Main 1964.

 

 

Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen

                    Reproduzierbarkeit,

            edition suhrkamp 28. Frankfurt am Main 1977.

 

 

Oskar Negt. Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn,

                  edition suhrkamp. Frankfurt am Main 1993.

 

 

Oskar Negt. Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung,

                  edition suhrkamp. Frankfurt am Main 1976.